Antispeziesismus weiterdenken
Eine kritische Betrachtung des Artenkonzeptes
Von Franziska Brunn, franziska-brunn(ätt)gmx.de
Antispeziesismus kritisiert wahlweise die Bevorzugung der menschlichen Spezies, also Art, gegenüber anderen tierischen Spezies, oder die Abwertung oder Überhöhung von Individuen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Was aus der Erkenntnis dieser Diskriminierungs- beziehungsweise Verherrlichungsform an Handlungsmustern resultieren sollte oder könnte, soll hier nicht detaillierter ausgeführt werden. Ob das die Forderung zur Abschaffung der Tierausbeutungsindustrie oder die Aufforderung zur veganen Lebensweise ist, antispeziesistische Bemühungen halte ich grundsätzlich für begrüßenswert, einige Teilaspekte jedoch könnten gründlicher hinterfragt werden, um differenziertere Argumentationen mit weniger Engstirnigkeit gegenüber Andersdenkenden und -handelnden zu entwickeln …
An dieser Stelle soll Antispeziesismus aus anderer Perspektive beleuchtet werden - mit dem Ziel, das etablierte Konzept der Erfassung von Tieren in Kategorien wie Arten anzugreifen. Nicht so sehr, weil gezeigt werden soll, dass nichtmenschliche Tiere „genauso viel wert“ wären wie Menschen - diese Beweisführung ist meiner Meinung nach keine rein naturwissenschaftliche - , sondern weil mit dem Artensystem eine schier unerschöpfliche Sehnsucht nach Kategorisierung ausgelebt wird, sich eine extreme Vereinfachung durch Abstraktion vollzieht. Diese Kategorisierung macht es möglich, alte Herrschaftsmuster zu bedienen und mit pseudo-wissenschaftlicher Basis fest im Fundament gesellschaftlicher Herrschaftsstrukturen zu verankern. Über kurz oder lang könnte eine Dekonstruktion der Spezies-Kategorien einer antispeziesistischen Theorie zu neuen Argumentationssträngen verhelfen - jenseits vereinfachender Schlagwörter wie „Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Schimpansen auch ein Ich-Bewusstsein besitzen.“ Wenn in diesem Text wissenschaftliche Studien zitiert werden, wird das nicht ohne ein kritisches Hinterfragen selbiger getan. LeserInnen sind aufgefordert, wissenschaftliche Studien eher als teils stark wirklichkeitsverzerrende Beispiele zu betrachten, die unbedingt mit eigenen Beobachtungen und Erfahrungen abgeglichen werden sollten.
Was macht eigentlich eine Spezies aus?
Um eine gewisse Beschreibung und Ordnung der Vielfalt irdischer Lebewesen zu erreichen, begannen Menschen - allen voran Linné - mit der Kategorisierung von Tieren: Es wurden Reiche, Gruppen, Familien, Gattungen, Arten, Rassen etc. konstruiert, um Stammbäume zu entwerfen und so ein Bild über Verwandtschaftsverhältnisse zu erlangen. Allerdings wurden inzwischen (von aufgeschlosseneren ZoologInnen) die meisten dieser Einteilungen wieder abgeschafft, da es willkürliche Schächtelchen waren, die eine Hierarchisierung des „Tierreiches“ vorgaukelten, welche nie vorhanden war. Stattdessen wird in der modernen zoologischen Systematik nur noch von einem Taxon (bzw. mehreren Taxa) als natürlicher „Einheit des Systems“ [1] gesprochen. Bezeichnungen der Taxa sind wiederum nur der menschlichen Ordnung zuliebe, willkürlich beschriftete Schachteln, welche sich häufig an den alten Kategoriennamen orientieren. So ist die „Klasse“ der Säugetiere (oder lat.: Mammalia) nun zum Taxon Säugetiere geworden, die Ordnung Primaten (Primates) zum Taxon Primaten usw. Sinn ist eben, ohne Wertung und Hierarchisierung evolutive Verwandtschaftsverhältnisse besser darstellen zu können, aber nicht in Versuchung zu geraten, das Taxon Käfer (Coleoptera), welches früher als Ordnung bezeichnet wurde, für eine niedrigere, kleinere oder enger verwandte Gruppe zu halten als das Taxon Wirbeltiere (Vertebrata), früher als Unterstamm kategorisiert.
Als Folge davon ist der Begriff der Spezies bzw. Art im Rahmen der Biologie als das einzig biologisch reale Taxon stehen geblieben. Moderne SystematikerInnen halten die Art für die „wichtigste, klar abgrenzbare Verallgemeinerungseinheit in der Biologie“, für real vorhandene „Natureinheiten“: „Naturvölker unterscheiden unter den für sie relevanten Tier- und Pflanzengruppen dieselben Arten wie die an Universitäten geschulten Systematiker.“ [2] Die meisten Arten sind uns auch kulturell als begrifflich abgegrenzt gegenüber anderen Arten überliefert worden. So deckt sich die fachwissenschaftliche Einordnung „Blaumeisen gehören zu einer anderen Art als Kohlmeisen“ mit den Beobachtungen sogenannter zoologischer Laien.
Ansätze für mögliche menschengemachte Definitionen von „Arten“ gibt es viele. Die biologische Begründung der Artzugehörigkeit, die einigen leidlich aus dem Biologieunterricht bekannt sein könnte, wird als Biospezieskonzept bezeichnet: Zu einer Art (genauer: Biospezies) gehören alle Individuen, die untereinander fruchtbare Nachkommen bilden können. Klingt auf den ersten Blick logisch und entspricht unserem intuitiven Empfinden von Kategorisierung. Allerdings werden die Grenzen dieser Kategorien recht schnell bemerkbar. So gibt es immer wieder Gerüchte dafür, dass zum Beispiel Braun- und Eisbär - auf den ersten Blick so unterschiedlich und eindeutig differenzierbar - durchaus fruchtbare Nachkommen erzeugen und damit theoretisch einer Art angehören könnten. Theoretisch - denn zum Glück lässt die geographische Distanz zwischen ihnen unser Weltbild aufrechterhalten.
Weitere Widerlegungen sind die erfolgreichen Paarungen von Sika- und Rothirschen, verschiedenen Füchsen, Aaskrähen (Nebel- und Rabenkrähe) und vielen anderen.
Als Ausnahmen zur Bestätigung der Regel werden auch die sogenannten Ring-Arten behandelt. Hierbei werden Individuen nach morphologischen (also äußerlichen) Kriterien auf einer Skala angeordnet - zum Beispiel die kleinsten Exemplare ganz links und die größten ganz rechts. Dazwischen gibt es Größenübergänge. Individuen an den äußeren Bereichen sind nicht miteinander fortpflanzungsfähig - das größte Tier und das kleinste würden also keine Art bilden. Allerdings gibt es Übergangsindividuen, die durchaus fruchtbare Nachkommen erzeugen können, die so den Genaustausch miteinander möglich und das klare Ziehen einer Speziesgrenze unmöglich machen. Klassische Beispiele sind Möwen (Herings- und Silbermöwe), Mäuse (Hirschmausarten), Schmetterlinge, Muscheln, Schnecken und viele weitere. Zu diesem Beispiel würde ich spontan auch die inzwischen vorhandene Vielfalt der Spezies Haushunde zählen. [3]
In Experimenten (Die Erwähnung zieht nicht die ethisch-moralische Befürwortung der Experimente nach sich!) gelingt die Kreuzung von Schakalen und Kojoten, sowie Hunden und Schakalen. [4] Haben die Tiere die Wahl, dann wählen sie zum Teil lieber Artangehörige, in anderen Fällen bleiben Nichtartangehörige dennoch „zusammen“ [5]. Diskutiert wird hier die soziale Abhängigkeit dieser „Wahl“. Vielleicht suchen sie die Nähe derer, mit denen sie aufgewachsen sind? Vielleicht haben sie gar kein Artkonzept? Indiz dafür wären Versuche, bei denen z.B. Hühnerküken auf Enten geprägt wurden, es entstehen Dilemmata wie das vom Hahn, der „seinen“ Enten ins Wasser folgen möchte und nicht kann.
Das Biospezies-Konzept ist ein interessanter Ansatz, tatsächliche Kategorien zu erkennen. Nur in der Praxis scheinen sich solche „Regeln“ eben zumindest nicht kontinuierlich durchgesetzt zu haben. Und wie sollten wir auch bei allen Tieren (inklusive den Menschen) herausbekommen können, wer jetzt mit wem fortpflanzungsfähige Nachkommen zeugen kann?
Neben dem erläuterten Biospezies-Konzept steht das Morphospezies-Konzept. Hier geben die Systematiker von vornherein zu, dass sie rein nach äußerlichen Kriterien die „Arten“ bestimmen müssen, weil ihnen die Fortpflanzungsfähigkeit ihrer „Objekte“ nicht bekannt ist. Dieses Konzept wird bei der größten Anzahl von Tieren bzw. Tierarten angewandt, unter anderem auch für die Einordnung von Fossilien, aber auch bei der Einordnung von sich ungeschlechtlich fortpflanzenden Tieren wie den Felseidechsen. Man nennt letztere Arten „Agamospezies“, also „nichtheiratende Arten“. An diesem Beispiel wird die Absurdität des Artenbegriffs besonders deutlich, denn wenn die Eidechsen miteinander fortpflanzungsbiologisch nichts mehr zu tun haben, sondern nur noch parallel verlaufende Klonlinien bilden [6], wie können wir sie dann in die „Schachtel Art“ stecken? Wo wir gerade dabei sind: Wie steht es eigentlich mit den zeitlebens unfruchtbaren Arbeiterinnen der Bienen- und Ameisenstaaten? Hier müssen Nebenbedingungen und Verklausulierungen her, um die Natur ins menschlich konstruierte Artengefüge einpassen zu können …
Wie ordnen wir Individuen letztlich Schachteln zu?
Begeben wir uns auf die Ebene der Individuen. Wie gelingt es ZoologInnen, ein Individuum eindeutig einer Art zuzuordnen, wenn es sich nicht gerade um Löwen, Menschen oder Nachtigallen handelt? (Wussten die zoologisch interessierten AntispeziesistInnen, dass die Nachtigall über einen Artenzwilling, den Sprosser, verfügt, der quasi identisch aussieht, aber nicht so „schön“ singt? Sie sind von den meisten ZoologInnen überhaupt nicht zu unterscheiden, dennoch steht die Behauptung, es seien zwei verschiedene Arten.) Es wird ja nicht bei jedem Individuum geprüft, ob es mit anderen, einer Art schon zugewiesenen Individuen fruchtbare Nachkommen produzieren kann. Das wäre arg aufwendig. Und so bleibt es meist bei der morphologischen Zuordnung. Für jede Art gibt es ein besonders „typisches“ Exemplar, Holotypus genannt, welches in besonderen zoologischen Sammlungen diesen Einordnungen dient. Diese recht willkürliche Auswahl hat einen entscheidenden Einfluss darauf, durch welche Schablone ZoologInnen die Wirklichkeit der Tierwelt wahrnehmen.
Niemand hat daher so genau überprüft, ob unser aktuelles biologisches Artenkonzept den natürlichen Gegebenheiten überhaupt entspricht. Vielleicht sind 10 von 100 äußerlich zugeordneten „Hirschkäfern“ gar nicht fortpflanzungsfähig, sehen nur gleich aus und gehören streng genommen nicht wirklich zu einer Spezies.
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kann mensch sagen, dass das moderne Artenkonzept nicht zur Beschreibung und Einordnung aller Lebewesen tauglich ist. Und niemensch kann letztlich den „Beweis“ erbringen, dass es überhaupt für die Mehrzahl von Lebewesen gilt. Das menschlich konstruierte Konzept der biologischen Spezies scheint eine Nummer zu klein zu sein für die Größe der natürlichen Vielfalt. Doch wie sollte mensch nun weiter verfahren mit der Kategorisierung der Tiere? Wir erkennen doch einen Hund, wenn wir einen Hund sehen, oder? Und einen Menschen als Menschen, oder?
Vielleicht ist es eben nicht so. Vielleicht erkennen wir einen Menschen als Menschen genau so leicht wie wir eine Frau als Frau erkennen. Nämlich anhand soziokultureller Schablonen. So wurden vor einigen Jahrzehnten eben AfrikanerInnen und IndianerInnen noch nicht als Menschen erkannt, sondern nur als menschenähnlich, gut genug, um sie in Zoos auszustellen [7]. Heute mag unsere Schablone weiter geworden sein. Dennoch erscheinen Einigen oder Vielen vielleicht manche Menschen nichtmenschlich, zum Beispiel sogenannte „Erkrankte“ der Hypertrichose (wobei „krank“ ein fragwürdiges, an dieser Stelle unangebrachtes Attribut ist, die Betroffenen entsprechen nur ganz einfach nicht den Normen), einer Reihe von „Irregularitäten“, die zu extremer Körperbehaarung führen oder das Auftreten von Atavismen [8] wie Schwänzen oder Milchleisten beim Menschen.
Es ist aber nicht meine Intention, Evolution und deren Mechanismen wie Selektion und Mutation zu negieren. Ganz im Gegenteil. Gerade, wenn mensch erkennt, dass Selektion und Mutation stets am Individuum greifen, dann erhält mensch eine zumindest für mich zufriedenstellende Erklärung für die Entstehung der immensen Vielfalt an Lebewesen, die es gar nicht nötig hat, sich langfristig in Arten zu organisieren.
Und die Spezies Mensch?
Dass „wir Menschen“ eine Art bilden, erscheint den meisten als unantastbare Wahrheit. Schimpansen und anderen Menschenaffen mögen wir ähneln, aber mehr möchten wir uns, bitte schön, nicht vorstellen. Von einer Dekonstruktion der „Spezies Mensch“ sind wir weit entfernt.
Die Anthropologie kann jedoch im Grunde nichts Genaues zur Begrenzung der menschlichen Art beitragen. In früheren Zeiten gab es mehrere Menschengruppen, Arten genannt oder nicht, die mit großer Wahrscheinlichkeit keine Fortpflanzungs- sondern nur geographische Barrieren aufwiesen [9]. Und nicht zu vergessen ist, dass unsere Vorfahren und die unserer nächsten „nichtmenschlichen“ Verwandten einmal gemeinsame Familienverbände und Fortpflanzungsgemeinschaften bildeten. In evolutionsbiologischen Zeiträumen gesprochen ist das nur wenige Sekunden her, viel zu kurz, als dass Evolution viel hätte verändern können. „Wir“ sind soziokulturell zu zugerichtet, als dass wir uns vorstellen könnten, dass es nur fließende Übergänge zwischen „uns“ und den „anderen Affen“ geben könnte. Doch denken wir an adoptierte Schimpansenkinder und deren Weltbild, in denen Schimpansen die „Fremden“ sind und Menschen die Familie. [10] Es gibt Hinweise auf mindestens eine Menschenfrau, die mit einem Orang-Utan-Mann zusammenlebte und alle Lebensbereiche mit ihm teilte. [11]
Immer aktueller werden Gespräche über horizontalen Gentransfer, bei dem durch sogenannte Vektoren wie Krankheitserreger Gene ganz anderer Spezies auf Menschen übertragen worden sind. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 30% unseres Erbgutes von Viren und Bakterien eingebaut wurden [12]. Dies würde nochmals ein ganz anderes Licht auf die unterstellte Geradlinigkeit von Evolutionsprozessen werfen.
Die Selbstverständlichkeit, mit der „wir Menschen“ uns als abgegrenzte Gruppe, als Spezies betrachten, könnte und sollte auf Dauer Schaden nehmen. Zu sehr wird diese Abgrenzung an Dingen wie Äußerlichkeiten, Sexualität und (verbaler) Sprache festgemacht. Blenden wir diese aus und betrachten Mimik, Gestik und soziale Bedürfnisse (Spiel, Nähe, Profilierung) unserer nahen Verwandten. Da fällt es schwer, überhaupt Unterschiede festzumachen [13]. Wann wollen wir eine Grenze ziehen und - viel wichtiger - warum wollen wir es?
Die Dinge dennoch benennen können …
Im Grunde bin ich gar nicht dagegen, der Handhabbarkeit wegen weiter von „Arten“ zu sprechen. Allerdings wünsche ich mir eine stärkere Reflexion des Begriffes, ein Bewusstwerden, dass es letztlich menschliche Kategorien sind, Bilder, die ihren Originalen in der Natur keineswegs gerecht werden, sondern Worte, die allein der Kommunikation zwischen uns behilflich sein können. Weitergehende Verwendung wie die der Fachbegriffe „Spezies“ oder „Artgenossen“, welche eine wissenschaftliche Basis suggerieren, die es nicht gibt, oder Aussagen wie, die herkömmliche Massentierhaltung sei nicht „artgemäß“, gehören nicht in das Konzept dessen, was ich als sinnvolle Strategie zur Verringerung der Ausbeutung nichtmenschlicher (und menschlicher!) Tiere ansehe. Antispeziesistisches Engagement bedeutet für mich auch, die Situation von Individuen verbessern zu wollen. Und was das im Einzelnen bedeutet, kann mensch eben nur im Einzelfall entscheiden. Wie viel Auslauf braucht Canis lupus forma familiaris? - könnte sich entwickeln zu - Wie viel Auslauf benötigt dieser Hund, dieses Lebewesen? Kann mensch Katzen vegan ernähren? - wäre besser gestellt als - Kann mensch diese Katze vegan ernähren? Gleiches gilt für den Menschen. Kann ich beispielsweise wirklich von jedem/jeder fordern, sich vegan zu ernähren? Weil es bei mir selbst klappt? Sicher, der Großteil von Menschen, mit denen ich konfrontiert werde, versucht sein mittägliches oder wöchentliches Steak mithilfe von Ausreden zu retten. Aber rein vom physiologischen Blickpunkt wäre es möglich, dass es unter „uns“, also dem, was wir als Menschen kategorisieren, Einzelne oder Gruppen gibt, die durchaus tierische Produkte benötigen. Es kann sicher nicht schaden, auch diese Menschen auf die Ausbeutung anderer Tiere dringlich aufmerksam zu machen. Nur, ich finde die Argumentation „der Mensch isst eben seit … Millionen Jahren …“ oder „wir stammen nun mal (nicht) von Vegetariern ab…“ - egal, von welcher Seite die Argumente kommen - biologistisch und damit ablehnenswert. Das einzige, was ich sicher sagen kann und will, ist: In der Natur gibt es nichts, was mensch mit Sicherheit sagen kann. Wenn Wissen Macht ist, dann kann das Zugeben, etwas nicht zu wissen, ja ein Schritt in ein herrschaftsfreieres Miteinander sein. Das Nichtwissen davon, ob es so etwas wie Arten überhaupt gibt und wie diese konzipiert sind, gehört dazu.
Unter anderem deshalb ist es nicht erst schade, wenn eine Art ausgestorben, für immer verschwunden ist, sondern es ist schade um jedes einzelne gestorbene Individuum, denn jedes war für sich und nicht erst im Gefüge seiner Art einzigartig!
Fussnoten
- Peter Ax (1995-2001): Das System der Metazoa I-III – Lehrbuch der phylogenetischen Systematik, Gustav Fischer Verlag / Spektrum Akademischer Verlag, S.18
- Sudhaus, Rehfeld (1992): Einführung in die Phylogenetik und Systematik, Gustav Fischer Verlag, S.38 – Anmerkung: Der Begriff der Naturvölker ist zwar politisch nicht korrekt, soll hier aber stehen bleiben als Beispiel moderner Lehrmeinung.
- Wie lustig, dass wirklich alle „Rassen“ (ein bei domestizierten Arten falscher und ansonsten veralteter, so gut wie nicht mehr angewandter biologischer Begriff und wenn dann nur mit geographischen Bezügen legitimiert) miteinander fruchtbare Nachkommen erzeugen könnten. Könnten sie? Nein. Ohne dies ins Detail auszuführen, könnte eine Dackeldame niemals Kinder eines Vaters wie Deutscher Dogge etc. austragen – abgesehen davon, dass auch der „Deckakt“ nur durch menschliche SpeziesistInnenhand zu vollführen wäre; die Jungen sterben noch im Bauch der Dackelin, die selbst arg durch solche, immer wieder versuchte Unterfangen gefährdet wird. Kreuzungen zwischen Haushund und Wolf – beide Angehörige derselben Spezies – sind so selten und wenn, dann nur unter annähernd gleichgroßen Individuen zu finden, dass das Artkonzept eben gerade im Bereich Domestikationen schlecht zu greifen scheint.
- Dorit Urd Feddersen-Peterson (2005): Hundepsychologie, Kosmos Verlag, S. 44 ff.
- Bevorzugung der Artangehörigen: Sudhaus, Rehfeld (1992): Einführung in die Phylogenetik und Systematik, Gustav Fischer Verlag, (sinngemäß abgewandelt): „Im Tiergarten erzeugen Kojoten-Männchen und Schakalweibchen durchaus fruchtbare Bastarde. Als Herre (1962) jedoch zu einem solchen Paar, das schon kopuliert hatte, ein Kojotenweibchen setzte, biss der Kojotenrüde die Schakalfähe tot und bildete mit seiner arteigenen Fähe ein Paar.“ Bevorzugung des Sozialpartners: Dorit Urd Feddersen-Peterson (2005): Hundepsychologie, Kosmos Verlag, S. 64: „Als nach dreijährigem Zusammenleben mit dem Pudel zur Brunstzeit der Schakalin ,ihr’ Pudel durch ein Schakalmännchen ersetzt wurde, hielt sich die Fähe von diesem fern und ließ sich nicht decken. Gegen Ende der Hitze erhielt sie ,ihren’ Pudel zurück, woraufhin dieser sie sogleich erfolgreich belegte.“ - Na ja, es sind eben Individuen und nicht Artangehörige mit voraussagbaren Handlungsmustern.
- Nur ein Beispiel rein weiblicher Populationen, deren Individuen sich durch Parthenogenese fortpflanzen, eine Form der eingeschlechtlichen Fortpflanzung, bei der die Nachkommen aus unbefruchteten Eiern der Mutter entstehen. Ein Muttertier bringt Junge zur Welt, welche im Prinzip Klone ihrer selbst sind. Durch einzelne Mutationen in der Erblinie entstehen minimale Unterschiede zwischen den verschiedenen Tieren, aber es gibt keine Vermischung, keinen Austausch von Genen mehr.
- Traditionellerweise auf den Völkerschauen des 19. Jahrhunderts, zum Beispiel auch im Zoologischen Garten Hagenbecks.
- Als Atavismus wird das Auftreten von anatomischen Merkmalen bei Organismen bezeichnet, die eigentlich für ihre Urahnen typisch waren.
- „In der Paläontologie lässt es sich trefflich streiten“ - Interview mit Prof. G. Bräuer; S. 20 in: Spektrum Dossier (2/2004): Die Evolution des Menschen, Spektrum Verlag
- Roger Fouts (1997): Unsere nächsten Verwandten – Von Schimpansen lernen, was es heißt, ein Mensch zu sein; Limes Verlag
- mündlich (2005) v. Prof. emeritus Dietmar Todt, ehemaliges Institut für Verhaltensbiologie und Anthropologie, FU Berlin
- verschiedene Quellen und Zahlenangaben, u.a. mündlich (2004) v. Dr. Barbara Weißenmayer, Institut für Mikrobiologie, FU Berlin; mehr dazu auch in Wikipedia – Genom, http://www.wissenschaft-online.de/abo/ticker/570845
- Dazu gehört jedoch der Wille, etwas vorurteilsfrei sehen zu wollen. Wer sich die Zeit nimmt, (nichtmenschliche) Tiere zu beobachten, der lernt die Schlüsselmomente dieser „Offenbarung“ kennen. Für mich war es ein altes Berberaffenmännchen, das sich Abend für Abend neben mich setzte, wenn ich mit meinen Aufzeichnungen begann. Eines Abends rückte es immer näher, bis es schließlich - bei Menschen würde man es schüchtern nennen -, seine Hand auf meinen Oberschenkel legte und dabei unsicher in eine andere Richtung schaute. Projektion oder nicht, Vermenschlichung oder nicht, wer will das schon wissen? Was genau ein Mensch dabei denkt, wenn er dieselbe Geste zeigt, weiß ich ja letztendlich auch nicht.
Quelle
«Mensch . Macht. Tier. - Antispeziesismus und Herrschaft» Veröffentlicht unter einer Creative Commons

