Demnächst: Animal Rights Festival

Animal Rights Festival

Am 23. und 24. Mai 2008 wird in Bremgarten (CH) eine Veranstaltung namens Animal Rights Festival statt finden. Im Rahmen dieser Veranstaltung wird es einen Vortrag zu den Versuchen von Neonazis, an die Tierrechtsszene anzudocken, geben.

yetzt · 2008-03-06 21:52 · veranstaltungen · keine kommentare

Glückliche Sojamilch und vegane Ausblendungen

Von Espi Twelve, espi(ätt)projektwerkstatt.de

Tofu, Sojamilch, -desserts und andere Produkte aus der prominenten Hülsenfrucht sind bei zahlreichen Veganerinnen sehr beliebt und werden zum Teil auffällig offensiv beworben. Soja gilt als veganes ,Vorzeigenahrungsmittel’. Von diesem Trugbild bleibt allerdings nicht viel übrig, wenn eine herrschaftskritische Perspektive eingenommen wird, die soziale und ökologische Folgen der industriellen Soja-Produktion einblendet.

Der Anbau von Sojabohnen boomt wie nie zuvor - der wesentliche Grund: Parallel zum weiterhin steigenden Fleischkonsum wächst der Bedarf an billigen, energiereichen Futtermitteln. Ein sehr beliebter Bestandteil dabei ist das von Importzöllen befreite Soja, das in bisher ungeahntem Ausmaß hergestellt und über den Globus befördert wird. Die wichtigsten Abnehmerinnen sind die EU und China; allein Deutschland importierte 2005 um die 3,3 Millionen Tonnen Soja.[1]

Hauptanbaugebiet - noch vor den USA und Argentinien - ist Brasilien, das seine Soja-Produktion seit 1998 verdoppelt hat. [2] Dabei handelt es sich um eine relativ neue Entwicklung, denn lange Zeit gehörte Soja nicht zu den in Brasilien angebauten Kulturpflanzen. Die eingetretene Veränderung ist eng mit globalisierten Markt- und Machtverhältnissen verknüpft: „Wie die gesamte Monokultur gehörte auch der Sojaanbau grundsätzlich zur Produktion in Großgrundbesitz. Sie wurde von der Regierung entwickelt und in engem Zusammenhang mit internationalen Interessen politisch durchgesetzt.“ [3] Dieser Prozess war und ist sehr folgenreich: Der hohe technische wie finanzielle Aufwand der Soja-Produktion ist für Kleinbauern kaum tragbar. Das begünstigt die Herausbildung riesiger Anbauflächen, die sich in den Händen Weniger konzentrieren. Kleinbauern werden so schrittweise verdrängt und müssen sich aufgrund des Landverlustes an Großgrundbesitzerinnen deren miserablen Arbeitsbedingungen unterwerfen (oder hungern). Monokulturen und die Exportorientierung zerstören zudem landwirtschaftliche Ansätze, bei denen die Selbstversorgung im Mittelpunkt steht.

Die ökologischen Wirkungen der Soja-Produktion sind nicht weniger fatal: Für den Anbau von Sojabohnen werden inzwischen Teile der brasilianischen Regenwälder per Brandrodung zerstört. Das geschieht häufig ,illegal’ [4], wobei auch legale Abholzungen nicht besser wären! „Bis August 2004 wurden innerhalb eines Jahres in Brasilien über 26.000 Quadratkilometer Amazonas-Wald abgeholzt - eine Fläche von sechs Fußballfeldern pro Minute.“[5] Mit der Expansion industrieller Soja-Monokulturen sind Bodenerosion und ein starker Schwund der Artenvielfalt verbunden. Zur Umweltzerstörung trägt auch der hohe Pestizideinsatz beim extensiven Sojaanbau bei. Nicht vergessen werden sollte, dass schon heute circa 30 Prozent der in Brasilien geernteten Sojabohnen gentechnisch verändert sind, Tendenz steigend.

Was hat das mit Veganismus zu tun?

Global betrachtet - wie beschrieben - endet nur ein verschwindend geringer Teil von Soja als veganes Dessert oder Tofu. Der Konsum und das kritiklose Bewerben von Sojaprodukten in mit Veganismus verbundenen Szenen ist dennoch nicht unproblematisch. An einigen Punkten möchte ich das konkret festmachen:

  • Ausblendung von Herrschaft: Unabhängig davon, ob am Ende nichtmenschliche Tiere oder Menschen Soja knabbern - ohne Herrschaftsstrukturen, ohne Enteignung von Land oder Abhängigkeiten vom Markt ist schlichtweg nicht vorstellbar, dass Menschen in Brasilien ein Nahrungsmittel herstellen würden, das danach zu reichen Europäerinnen verfrachtet wird und die eigenen Lebensgrundlagen untergräbt. Unter herrschaftsfreien Rahmenbedingungen ist anzunehmen, dass Ernährungssouveränität [6], das heißt eine möglichst unabhängige Versorgung mit Nahrungsmitteln aus der näheren Umgebung, in den Vordergrund rücken würde. Das scheint viele sich vegan definierende Menschen nicht zu interessieren - weil sie selbst zu den Privilegierten gehören?
  • Bio ist keine Lösung: Bis auf wenige Ausnahmen [7] stammt auch Bio-Soja aus Brasilien, daher besteht die Kritik an der strukturellen Ungleichheit und Marktzwängen, die Menschen unter anderem in Brasilien zur Soja-Produktion drängt, auch hier weiter. Zusätzlich sind die langen Transportwege zudem ökologisch wenig sinnvoll.
  • Hoher Energieaufwand: Zu alledem werden die meisten ,veredelten’ Sojaprodukte, insbesondere Tofu und Sojamilch, mit hohem Energieaufwand [8] hergestellt, der in die ökologische und soziale Bilanz (auch der Strom muss ja von konkreten Menschen erwirtschaftet werden) miteinbezogen werden muss. Richtig ist zwar, dass die Energieaufwendung für Sojaprodukte weit unter der für Milch liegt, aber sich einfach nur mit „etwas weniger schlecht“ zufriedenzugeben, erscheint mir zu bequem.

Praktisch sorgen solche Ausblendungen (mindestens) für die Akzeptanz eines Ausbeutungsproduktes. Daher sind auch sich als vegan begreifende Menschen mitverantwortlich dafür, dass diese Situation ungebrochen fortbestehen kann. Dabei gäbe es - an dieser Stelle kurz erwähnt - durchaus greifbare Alternativen zu Soja: Süßlupinen liefern ähnlich hochwertige Proteine und sind beispielsweise auch für ,typische’ Anbaubedingungen in Europa gut geeignet. Lange Transportwege könnten dadurch entfallen und ein Schritt zu Ernährungssouveränität gemacht werden (jedenfalls, wenn gleichzeitig die ,Fleischproduktion’ mindestens stark gesenkt wird!). Als Ersatz für Sojamilch bieten sich Getränke aus Hafer an, der auch regional produziert werden kann.

Fazit

Dass über die Folgen des Sojaanbaus und mögliche Umgangsweisen mit der Problematik in Tierrechts- oder Vegan-Medien kaum bis gar nicht berichtet wird, spricht leider für Ignoranz gegenüber komplexen Herrschaftsverhältnissen. Absicht dieses Textes ist es daher auch nicht, dass Soja durch ein neues Lebensmittel ersetzt wird und in Zukunft nur noch Lupinen konsumiert und unkritisch beworben werden. Es geht nicht (nur) um den ,richtigen’ oder richtigeren Konsum in falschen Verhältnissen, die als solche nicht hinterfragt werden. Ich wollte exemplarisch aufzeigen, welche Folgen vegane Ausblendungen und insgesamt ein verkürzter Blickwinkel haben können.

Begleitet ist dieser Versuch von der vorsichtigen Hoffnung, etwas dazu anregen zu können, den politischen Anspruch nicht bei ,vegan’ enden zu lassen. Und die Herrschaftsbrille beiseite zu legen, damit nichts den Genuss der Sojamilch mit Vanillegeschmack trüben kann …

Anmerkungen

Kritische Einstiegsseite zu Soja: http://www.projektwerkstatt.de/tierrechte/texte/soja.html

Fussnoten

  1. Greenpeace (2006): Aus Urwald wird Tierfutter (www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/waelder/FS_Soja_Hintergrund.pdf).
  2. Greenpeace (2006): Wir essen Amazonien auf (www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/waelder/FS_Soja_ReportAmazonien.pdf).
  3. Walter Marschner (2000): Wichtige soziale Aspekte der Entwicklung des Sojaanbaus im brasilianischen Bundesland Paraná (www.loccum.de/materialien/soja/marschner.pdf).
  4. Greenpeace (2006): Wir essen Amazonien auf.
  5. Greenpeace (2006): Aus Urwald wird Tierfutter.
  6. Siehe Jutta Sundermann (2005): Autonomie statt Konzernkontrolle. In. „Fragend voran …“ Nr. 0 (Herrschaftsfrei Wirtschaften). Reiskirchen: SeitenHieb.
  7. Der Tofuhersteller Hexerküche bezieht seine Sojabohnen vollständig aus deutschen Anbaugebieten, die Firma Taifun tut dies teilweise.
  8. Für andere vegane Luxusprodukte gilt Ähnliches: So wird Seitan aufwendig und unter Verschwendung der meisten Weizenbestandteile hergestellt.

Quelle

«Mensch . Macht. Tier. - Antispeziesismus und Herrschaft» Veröffentlicht unter einer Creative Commons

yetzt · 2007-07-31 01:06 · aktuelles · keine kommentare

Vegane Identitätspolitk

Von Espi Twelve, espi(ätt)projektwerkstatt.de

„Nein, das möchte ich nicht essen.“ Die Aussage bleibt wie so oft nicht folgenlos. Wieder einmal stellen andere mir die Frage, deren Beantwortung bereits nur noch zwei Varianten duldet und mich nötigt, etwas zu ,sein’. Gemeint ist die Frage: „Bist du vegan?“ Es gibt gute Gründe, ihr auszuweichen, Gegenfragen zu stellen und daran zu zweifeln, ob es sinnvoll ist, zu antworten, wenn hinter der Frage notwendig die Welt der Identität und der erzwungenen Eindeutigkeit steht.

Es ist nicht möglich, vegan zu sein. Veganismus kann ein persönlicher und politischer Anspruch sein, ein inniges Bemühen, ein Wunsch oder Versuch - aber kein Zustand. Vielleicht ist es ein Teil utopischer Vorstellungen, so leben zu wollen; aber zu behaupten, ich sei vegan, tut so, als wäre ich schon angekommen. Die eindeutige Aussage verwandelt einen komplexen, nie abgeschlossenen Prozess in die Wahlmöglichkeit zwischen ,Ja’ oder ,Nein’.

Abgesehen von dieser ,einfachen’ Unmöglichkeit gibt es auch ein anderes, grundsätzliches Unbehagen, etwas so umfassend zu ,sein’. Spätestens seit der queeren [1] und (post)feministischen [2] Kritik fällt es mir schwer, mich gemütlich in Identitäten einzurichten und dabei zu vergessen, dass sie herrschaftsförmig hergestellte Konstruktionen sind. „Identität ist ein Schlachtfeld.“[3] Um als sicher abgrenzbare Einheit zu erscheinen, muss vieles ausgeschlossen und dem ,Anderen’ zugerechnet werden. Identitätsbildung ist ein beständiger Prozess, gefährliche Übergänge, Wechsel oder Mehrdeutigkeiten zu verdrängen. Auch die Gewissheit, vegan zu sein, wird mit aller Macht hergestellt.

Niederschlag ähnlicher Gedankengänge ist, dass beispielsweise die Einteilung in zwei Geschlechter in manchen politischen Zusammenhängen sehr umstritten ist[4]. Die damit verknüpften Ideen von Dekonstruktion haben längst Eingang in moderne ,Tierrechts’- bzw. antispeziesistische Theorieansätze gefunden, welche die binäre Einteilung in Menschen und Tiere sowie deren Ursachen kritisch hinterfragen. Trotz dieser offenen Bezugnahmen werden in der politischen Praxis überall und ständig Identitäten aufrechterhalten und neue geschaffen. So erscheint Dekonstruktion als gern benutztes, aber praktisch folgenloses Modewort: Wahrscheinlich ist es mehr der ,Beat’ solcher Szenen, bestimmte Theorien parat zu haben (oder gut zu bluffen) als eine ernsthafte Auseinandersetzung zu fördern, die sich auch in Veränderungsprozessen niederschlägt.

Ein- und Ausschlüsse

Die Konstruktion eines ,Veganseins’ schafft die Voraussetzung für klare Einteilungen (und letztlich auch deren Notwendigkeit, wenn das ,entweder oder’ regiert). Plötzlich ,gibt’ es Veganerinnen und Nicht-Veganerinnen, es muss definiert werden, wer dazugehört und wer nicht. Gerade in Szenen, die eng mit Veganismus assoziiert sind, toben diese Auseinandersetzungen am vehementesten. Da gibt es - für Außenstehende bemerkenswert entrückte - Streits, die bis zu denunziatorischen Enthüllungen über persönliches Ess- und ,Fehlverhalten’ und krassen Anfeindungen reichen. Überdeutlich zeigt sich daran, dass vegane Identität ein durch und durch vermachteter Raum ist. Obwohl offensichtlich ist, dass keine Einigkeit darüber besteht, was Vegansein beinhaltet, wird das ,Projekt’ als solches nicht in Zweifel gezogen, sondern höchstens der Machtkampf um die Definition(en) intensiviert.

Mit diesem Prozess werden vielfältige Zuschreibungen von innen und von außen möglich, welche die Identitäten ,ausfüllen’. Seltsam ist, dass Menschen, die sich selber sichtbar unter dem Vorzeichen ,vegan’ in der Öffentlichkeit bewegen, sich über Veganerinnen-Klischees beschweren, so als seien es nur die Vorurteile der anderen. Denn die Bilder kommen nicht nur von außen. Sie werden (auch wenn sie anderen Inhalt tragen) ständig aus ,der’ Szene heraus produziert: durch eine ,eigene’ Sprache, Symbole und einen ungeschriebenen ,Katalog’ von Produkten und Verhaltensweisen, die als cool gelten. Die Zuschreibungen von außen finden ihre Basis gerade darin, dass es die Einteilungen gibt, vegan zu sein oder nicht. Auf der Unverrückbarkeit und Notwendigkeit dieser Grenzziehung beharren viele derer, die sich vegan identifizieren.

Gezielte Identitätsproduktion

,Vegan’ zu sein ist ein subkulturelles Identitätsangebot, das nicht vom Himmel fällt oder durch Sprache erzwungen wird. Es wird verkauft und transportiert auf schicken Buttons, T-Shirts, Aufnähern und anderen Utensilien, mit denen sich die Trägerinnen selbst vergewissern, wer sie ,sind’, anderen ihre Identität anzeigen und Zugehörigkeit dokumentieren. Wer Slogans wie „Go vegan“ nutzt, ohne auf einen politischen Inhalt zu verweisen, arbeitet solcher Identitätsbildung mit all ihren Folgen zu. Und ich glaube, dass solche und andere Plattitüden nicht nur unbewusst verbreitet werden. Es ist auch ein Stück weit die Strategie von Veganversänden oder (manchen) identitär organisierten Tierrechtsgruppen, Mitstreiterinnen über einfache Lösungen zu ,ködern’ oder - seltener - deren Geldbörse zu leeren.

Und diese Strategie funktioniert: Veganismus ist in manchen Subkulturen - meistens nur für kurze Zeit - so zugkräftig und euphorisierend, weil er einerseits auf platte Codes reduziert und andererseits identitär aufbereitet wird. Vegan zu ,sein’ verspricht, das Richtige im Falschen umzusetzen: mit einem bestimmten Konsum ausbeutungsfrei zu leben. Angeschlossen daran sind Vorstellungen, besonders hip, libertär oder anders zu sein. Ein so aufbereiteter Veganismus vermittelt das Gefühl, mit Tierausbeutung nichts mehr zu tun, also eine „reine Weste“ zu haben, ohne sich um eine ständige Reflexion der weit verzweigten Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse bemühen zu müssen. Die Auseinandersetzung mit Sexismus, Diskriminierung aufgrund des Alters oder Dominanzstrukturen unterschiedlichster Art wird ja nicht mit dem Button mitgeliefert (auch wenn gerne anderes nahe gelegt werden mag). Die komplexen Zusammenhänge von Unterdrückung werden gar nicht erfasst, weil es eine einfache Formel gibt … „werde vegan und dann ist alles gut“. Auch wenn es so deutlich selten gesagt wird, ist eine starke Tendenz in diese Richtung wahrnehmbar. Darin ähneln ,vegane’ Zusammenhänge antifaschistischen Kreisen, die sich relativ gutem Zulauf erfreuen, weil die transportierten Inhalte oft vereinfacht oder mit schablonenhaften Feindbildern verbunden werden.

Verkürzungen, Vereinfachungen und vielfältige Ausblendungen machen es möglich, dass Veganismus zu einem schnell erwerbbaren (nicht nur im ökonomischen Sinne) Accessoire wird. Dieser aktiv vorangetriebene Prozess ist für mich ziemlich betrüblich - aber nicht unveränderbar: Es gibt keinen Zwang, mit markigen Parolen und vereinfachenden Argumentationen um sich zu werfen und als Lockmittel zu nutzen, weil das kurzfristig eine bessere Mobilisierung verspricht.

Kollektive Identität

„Wir (…) sind uns durchaus bewusst, das es natürlich auch ein Bedürfnis nach einem ,Zusammen’ gibt - das den Verhältnissen trotzen kann (…). Aber viele unserer politischen Kollektive der Vergangenheit wurden auch zu sehr engen Käfigen in denen Abweichungen reglementiert wurden. Und wie schnell wurden die freien Ideen der Kollektive zu Zwangskollektiven, in der unter der Maßgabe des Gemeinsamen ein moralischer Gruppendruck aufgebaut (…) wurde.“[5]

In politischen Zusammenhängen, wo Veganismus angesagt ist (im doppelbödigen Sinne des Wortes), ist dieser verbunden mit einem Set aus Verhaltensweisen, Kleidungsstilen oder Sprache. Es sind sozusagen ,Codes’, über die Zugehörigkeit hergestellt und kommuniziert wird. Sie machen wahrscheinlich auch die temporären Mobilisierungserfolge veganer Szenen aus: „Die Zurichtung im Leben eines Menschen (Erziehung, Bildung, soziales Umfeld, Medien …) bringt fast alle Menschen dazu, sich selbst lieber als Rädchen im System zu begreifen statt als selbstbewusst, selbst handelndes Individuum, das sich soziales Umfeld und Kooperationsebenen selbst wählt. So enden fast alle in vorgegebenen Rollen (Haushalt, Kindererziehung, Job, Jobsuche, Ausbildung …). Da sie Selbständigkeit nicht gelernt haben, fühlen sie sich in Räumen mit vorgegebenen Orientierungen wohl.“[6]

Aus einem emanzipatorischem Blickwinkel ist das mehrfach problematisch: Vegane Identität, das Finden von gegenseitiger Bestätigung in dem imaginären ,Sein’ wird schnell wichtiger als der Kampf für eine herrschaftsfreie Welt, der nicht in Szenetreffs oder in der trauten Bezugsgruppe endet und dort oft nicht einmal anfängt. Praktisch ist es regelmäßig so, dass Menschen ,innerhalb’ solcher Gruppen nur noch wenig Sensibilität für das Geschehen um sie herum aufbringen und nicht einmal registrieren, dass sie sich ausschließend verhalten. Das ist nicht nur eine Kritik an sich als vegan begreifenden Zusammenhängen, sondern ein prinzipielles Argument gegen kollektive Identitäten.

Zudem steht gemeinsame Identität immer der Selbstbestimmung entgegen und schränkt vielfältige Lebensweisen ein. Sie geht notwendig mit der Angleichung von Denk- und Verhaltensmustern einher. Unterschwellig bis offen wird ein Druck entfaltet, sich der Gruppenmeinung anzupassen, um emotionale, soziale oder politische Anerkennung zu finden.

Das kann schräge Effekte nach sich ziehen: Menschen, die sich mit Veganismus beschäftigen, aber nicht den richtigen Verhaltenscodes entsprechen, nicht ,richtig’ aussehen, werden ausgegrenzt oder bekommen zumindest zu spüren, dass sie nicht dazugehören. Einer politischen Praxis, welche die Eigenständigkeit der Menschen fördern will, stehen die beschriebenen kollektiv-identitären Orientierungen immer entgegen.

Fatale Wirkungen

Es ist für mich kein Wunder, dass viele Menschen sich nur sehr kurzzeitig als vegan verstehen und dann wieder vollständig in das genormte Dasein eintauchen. Ein Grund dafür liegt darin, dass Veganismus so vereinfacht aufbereitet wird, dass die Identitätsbildung alles andere verdrängt. Das mag anfangs euphorisierend wirken, aber weil eine intensive, persönliche Auseinandersetzung mit Herrschaft gar nicht stattfindet, ist es später leicht, wieder vollständig zu etablieren. Und solange Veganismus vor allem der ,Beat’ einer sozialen Gruppe ist, an den Neue sich angleichen, um dazuzugehören, kann der eigene Bezug schnell aufgelöst werden. Beim Wechsel des Umfelds werden die dort erwarteten Verhaltensweisen gleich mit entsorgt beziehungsweise gegen das ausgetauscht, was in der aktuellen Clique angesagt ist.

Schlussfolgerungen

Das Bedürfnis nach einfachen Lösungen, nach nicht allzu weiter Entfernung von der ,normalen’ Welt, ebenso wie die Konstruktion veganer Identitäten muss nicht aktiv bedient werden. Es ist längerfristig sogar fatal, weil der größte Teil der angesprochenen Personen sich ohnehin schnell wieder entpolitisiert. Zudem verhindert ein Veganismus, der sich mit Verhaltenscodes zufriedengibt, die Entwicklung weitergehender Veränderungen im eigenen Verhalten oder Widerständigkeit. Der Abbau von Herrschaft, selbst ,nur’ das Zurückdrängen tierausbeuterischer Strukturen (was mir isoliert nicht sinnvoll erscheint) ist ein anstrengender, langwieriger Prozess. Das sollte auch so benannt werden, ohne Resignation zu provozieren, denn Veränderungen sind ja möglich und könnten viel weiter gehen als das, was heute passiert.

Die Sichtbarkeit veganer Ideen braucht kein corporate design [7], kein Label oder ,fertige’ Identität, die möglichst mit plattesten Slogans verbreitet werden. Um Menschen zu erreichen, gibt es viele Möglichkeiten, die zur Zeit überhaupt nicht ausgereizt werden, z.B. kreative Aktionen, die Normalität durchbrechen und Denkprozesse anstoßen. [8]

Wichtig ist, dass Menschen anfangen, sich selbst und ihre Verstrickung in Herrschaftsverhältnisse zu reflektieren und sich auf Basis eigener Überzeugungen widerständig zu verhalten. Wenn Veganismus ein Teil davon sein soll, muss er aus der Identitätsbildung ,befreit’ und in eine grundsätzliche Herrschaftskritik eingebettet werden. Die aktuell dominanten Szenestrukturen sind dafür in vieler Hinsicht ungeeignet und bedürfen der Umgestaltung. Notwendig ist die Schaffung offener, nicht durch Identitäten festgelegter Räume [9], in denen sich innige Streitkultur und vielfältiges Leben nicht widersprechen.

Fussnoten

  1. Queer Theory ist ein aus schwul-lesbischer Forschung hervorgegangener Ansatz, der sich mit der Konstruktion von (Hetero-)Sexualität und Zweigeschlechtlichkeit sowie ihren Zusammenhängen beschäftigt und dabei die herrschaftsförmige Herausbildung von Identitäten und Identitätspolitiken kritisiert (http://de.wikipedia.org/wiki/Queer-Theory).
  2. Postfeminismus bezeichnet Strömungen, welche sich auf feministische und frauenbewegte Theorien beziehen, diese aber zugleich hinterfragen – siehe dazu http://de.wikipedia.org/wiki/Postfeminismus.
  3. Satz über einer Collage in „Things Are Queer“, ein queeres Textheft aus Berlin.
  4. Siehe dazu www.projektwerkstatt.de/gender
  5. SubversiveSchlampenSchwestern (2006): Mythos Schwarzer Kanal? Schwarzer Kanal für alle! Wie Politisch ist das Private? In: Interim # 641. Berlin: Interim e.V.
  6. Robin Wut (2006): Anarchie oder Basisdemokratie? Saasen: Projektwerkstatt (www.projektwerkstatt.de/download/anarchie_basisdemokratie.pdf).
  7. Meist auf Konzerne oder Firmen bezogener Ansatz, über immer wiederkehrende Symbole, Markennamen oder typische Aufmachungen zu werben.
  8. Siehe dazu „Tierrechtsaktivismus und kreativer Widerstand“ (Seite 86).
  9. Siehe dazu Projektwerkstatt (2005): Offene Räume. Saasen: Projektwerkstatt (www.projektwerkstatt.de/da/download/A5offenerraum.pdf).

Quelle

«Mensch . Macht. Tier. - Antispeziesismus und Herrschaft» Veröffentlicht unter einer Creative Commons

yetzt · 2007-07-31 00:42 · aktuelles · keine kommentare