Demnächst: Animal Rights Festival

Am 23. und 24. Mai 2008 wird in Bremgarten (CH) eine Veranstaltung namens Animal Rights Festival statt finden. Im Rahmen dieser Veranstaltung wird es einen Vortrag zu den Versuchen von Neonazis, an die Tierrechtsszene anzudocken, geben.
Antispeziesismus - Was ist das eigentlich?
Hannes P. <jugend@graswurzel.net>
Was wie ein kompliziertes Fremdwortmonstrum aussieht, lässt sich mit einfachen Worten beschreiben: Antispeziesismus meint die Ablehnung der Ausbeutung nichtmenschlichen Lebens zu Gunsten menschlicher Lebensformen. Fleisch, Fisch, oder mit tierischen Bestandteilen gefertigte Kleidung: All das sind Produkte speziesistischen Handelns.
Der gesellschaftliche Normalfall?
Die Bratwurst von der Bude, das Ei aus dem Supermarkt, oder die Lederjacke im Schrank: Die Liste an Produkten, bei deren Herstellung tierisches Dasein mit Füßen getreten wird, lässt sich endlos fortsetzen. Dabei wird in den meisten Fällen sogar verkannt, dass Lebewesen für den kurzweiligen Genuss leiden mussten. Die „Wurst aufs Brot“ gehört genauso wie die Frühstücksmilch, oder an Tieren erprobte Kosmetikartikel zu den „gesellschaftlichen Standards“.
Menschliche und nichtmenschliche Tiere
Diese „gesellschaftlich anerkannten Standards“ erhöhen menschliche über nichtmenschliche Tiere; vergleichbar mit Rassismus oder Sexismus, wird eine bestimmte Gruppe einer anderen übergeordnet, die Ausbeutung und Unterdrückung einer Gruppe akzeptiert. Nur dass im Fall des Speziesismus nicht nur Personengruppen, sondern ganze Spezies unter erdachte Machtverhältnisse fallen. Eine große Rolle spielen dabei Eigenschaften, die nichtmenschlichen Tieren gerne abgesprochen werden. Während das menschliche Tier intelligent, einfühlend und sozial ist, fehlen nichtmenschlichen Tieren angeblich all diese Eigenschaften – so der Tenor, auf dem speziezis- tisches Handeln fußt.
…und menschliche Schweine
Gemeinschaft, Nähe, Geborgenheit und Spieltrieb sind Verhaltensweisen, die nicht nur dem Menschen vorbehalten sind. Bilder von blutüberströmten Jungschweinen, die sich angsterfüllt aneinanderdrücken sind die tägliche Realität der so genannten „Fleischproduktionsstätten“. Dem stellen AntispeziesistInnen eine Alternative gegenüber: Ziel allen Handelns soll es sein, in einer Form der Harmonie mit nichtmenschlichen Tieren zu leben. Ein auf Zusammenarbeit basierendes Handeln soll Vorteile für die Angehöri- gen der unterschiedlichen Spezies garantieren.
Antispeziesistisches Handeln
Die tiefe gesellschaftliche Verankerung und Akzeptanz tierverachtenden Gedankenguts erschwert den antispeziezistischen Widerstand. Daher verstehen sich viele AntispeziesistInnen vor allem als aufklärende Kräfte – daneben gibt es aber auch direkte Aktionen. Und auch das Verzichten auf den Konsum von Produkten tierischen Ursprungs, bzw. das Schaffen eines Bewusstseins für Belange, die andere Spezies betreffen, spielen - nicht nur auf theoretischer Ebene - eine große Rolle. Dabei kommt es nicht nur auf eine grundsätzliche Kritik, sondern auf Arten der persönlichen Lebensgestaltung an: denn jeder Konsum tierischer Produkte unterstützt die Profiteure speziezistischer Ausbeutung.
… und ein Zukunftsentwurf
Ein anderes Tierbild ist nötig, um die speziesistische Misere zu überwinden. Neben der – nicht nur gedanklichen – Gleichwertigkeit tierischen Lebens müssen auch Ernährungsformen und – gewohnheiten überdacht werden. Denn der Mensch kann sich diese „Barbarei“ als vernunftbegabtes und moralisches Wesen nicht leisten.
Der Artikel erschien am 30. November 2007 in Ausgabe 2 von Utopia, einer Jugendzeitung für eine herrschaftslose, gewaltfreie Welt, die schon lange fällig ist
Rückblick: Tierrechtstage Recklinghausen
Vom 3. bis 5. August fanden im recklinghausener Alternativen Kulturzentrum die Tierrechtstage Recklinghausen mit einem Konzert und mehreren Vorträgen statt. Den ganzen Beitrag lesen »
Glückliche Sojamilch und vegane Ausblendungen
Von Espi Twelve, espi(ätt)projektwerkstatt.de
Tofu, Sojamilch, -desserts und andere Produkte aus der prominenten Hülsenfrucht sind bei zahlreichen Veganerinnen sehr beliebt und werden zum Teil auffällig offensiv beworben. Soja gilt als veganes ,Vorzeigenahrungsmittel’. Von diesem Trugbild bleibt allerdings nicht viel übrig, wenn eine herrschaftskritische Perspektive eingenommen wird, die soziale und ökologische Folgen der industriellen Soja-Produktion einblendet.
Der Anbau von Sojabohnen boomt wie nie zuvor - der wesentliche Grund: Parallel zum weiterhin steigenden Fleischkonsum wächst der Bedarf an billigen, energiereichen Futtermitteln. Ein sehr beliebter Bestandteil dabei ist das von Importzöllen befreite Soja, das in bisher ungeahntem Ausmaß hergestellt und über den Globus befördert wird. Die wichtigsten Abnehmerinnen sind die EU und China; allein Deutschland importierte 2005 um die 3,3 Millionen Tonnen Soja.[1]
Hauptanbaugebiet - noch vor den USA und Argentinien - ist Brasilien, das seine Soja-Produktion seit 1998 verdoppelt hat. [2] Dabei handelt es sich um eine relativ neue Entwicklung, denn lange Zeit gehörte Soja nicht zu den in Brasilien angebauten Kulturpflanzen. Die eingetretene Veränderung ist eng mit globalisierten Markt- und Machtverhältnissen verknüpft: „Wie die gesamte Monokultur gehörte auch der Sojaanbau grundsätzlich zur Produktion in Großgrundbesitz. Sie wurde von der Regierung entwickelt und in engem Zusammenhang mit internationalen Interessen politisch durchgesetzt.“ [3] Dieser Prozess war und ist sehr folgenreich: Der hohe technische wie finanzielle Aufwand der Soja-Produktion ist für Kleinbauern kaum tragbar. Das begünstigt die Herausbildung riesiger Anbauflächen, die sich in den Händen Weniger konzentrieren. Kleinbauern werden so schrittweise verdrängt und müssen sich aufgrund des Landverlustes an Großgrundbesitzerinnen deren miserablen Arbeitsbedingungen unterwerfen (oder hungern). Monokulturen und die Exportorientierung zerstören zudem landwirtschaftliche Ansätze, bei denen die Selbstversorgung im Mittelpunkt steht.
Die ökologischen Wirkungen der Soja-Produktion sind nicht weniger fatal: Für den Anbau von Sojabohnen werden inzwischen Teile der brasilianischen Regenwälder per Brandrodung zerstört. Das geschieht häufig ,illegal’ [4], wobei auch legale Abholzungen nicht besser wären! „Bis August 2004 wurden innerhalb eines Jahres in Brasilien über 26.000 Quadratkilometer Amazonas-Wald abgeholzt - eine Fläche von sechs Fußballfeldern pro Minute.“[5] Mit der Expansion industrieller Soja-Monokulturen sind Bodenerosion und ein starker Schwund der Artenvielfalt verbunden. Zur Umweltzerstörung trägt auch der hohe Pestizideinsatz beim extensiven Sojaanbau bei. Nicht vergessen werden sollte, dass schon heute circa 30 Prozent der in Brasilien geernteten Sojabohnen gentechnisch verändert sind, Tendenz steigend.
Was hat das mit Veganismus zu tun?
Global betrachtet - wie beschrieben - endet nur ein verschwindend geringer Teil von Soja als veganes Dessert oder Tofu. Der Konsum und das kritiklose Bewerben von Sojaprodukten in mit Veganismus verbundenen Szenen ist dennoch nicht unproblematisch. An einigen Punkten möchte ich das konkret festmachen:
- Ausblendung von Herrschaft: Unabhängig davon, ob am Ende nichtmenschliche Tiere oder Menschen Soja knabbern - ohne Herrschaftsstrukturen, ohne Enteignung von Land oder Abhängigkeiten vom Markt ist schlichtweg nicht vorstellbar, dass Menschen in Brasilien ein Nahrungsmittel herstellen würden, das danach zu reichen Europäerinnen verfrachtet wird und die eigenen Lebensgrundlagen untergräbt. Unter herrschaftsfreien Rahmenbedingungen ist anzunehmen, dass Ernährungssouveränität [6], das heißt eine möglichst unabhängige Versorgung mit Nahrungsmitteln aus der näheren Umgebung, in den Vordergrund rücken würde. Das scheint viele sich vegan definierende Menschen nicht zu interessieren - weil sie selbst zu den Privilegierten gehören?
- Bio ist keine Lösung: Bis auf wenige Ausnahmen [7] stammt auch Bio-Soja aus Brasilien, daher besteht die Kritik an der strukturellen Ungleichheit und Marktzwängen, die Menschen unter anderem in Brasilien zur Soja-Produktion drängt, auch hier weiter. Zusätzlich sind die langen Transportwege zudem ökologisch wenig sinnvoll.
- Hoher Energieaufwand: Zu alledem werden die meisten ,veredelten’ Sojaprodukte, insbesondere Tofu und Sojamilch, mit hohem Energieaufwand [8] hergestellt, der in die ökologische und soziale Bilanz (auch der Strom muss ja von konkreten Menschen erwirtschaftet werden) miteinbezogen werden muss. Richtig ist zwar, dass die Energieaufwendung für Sojaprodukte weit unter der für Milch liegt, aber sich einfach nur mit „etwas weniger schlecht“ zufriedenzugeben, erscheint mir zu bequem.
Praktisch sorgen solche Ausblendungen (mindestens) für die Akzeptanz eines Ausbeutungsproduktes. Daher sind auch sich als vegan begreifende Menschen mitverantwortlich dafür, dass diese Situation ungebrochen fortbestehen kann. Dabei gäbe es - an dieser Stelle kurz erwähnt - durchaus greifbare Alternativen zu Soja: Süßlupinen liefern ähnlich hochwertige Proteine und sind beispielsweise auch für ,typische’ Anbaubedingungen in Europa gut geeignet. Lange Transportwege könnten dadurch entfallen und ein Schritt zu Ernährungssouveränität gemacht werden (jedenfalls, wenn gleichzeitig die ,Fleischproduktion’ mindestens stark gesenkt wird!). Als Ersatz für Sojamilch bieten sich Getränke aus Hafer an, der auch regional produziert werden kann.
Fazit
Dass über die Folgen des Sojaanbaus und mögliche Umgangsweisen mit der Problematik in Tierrechts- oder Vegan-Medien kaum bis gar nicht berichtet wird, spricht leider für Ignoranz gegenüber komplexen Herrschaftsverhältnissen. Absicht dieses Textes ist es daher auch nicht, dass Soja durch ein neues Lebensmittel ersetzt wird und in Zukunft nur noch Lupinen konsumiert und unkritisch beworben werden. Es geht nicht (nur) um den ,richtigen’ oder richtigeren Konsum in falschen Verhältnissen, die als solche nicht hinterfragt werden. Ich wollte exemplarisch aufzeigen, welche Folgen vegane Ausblendungen und insgesamt ein verkürzter Blickwinkel haben können.
Begleitet ist dieser Versuch von der vorsichtigen Hoffnung, etwas dazu anregen zu können, den politischen Anspruch nicht bei ,vegan’ enden zu lassen. Und die Herrschaftsbrille beiseite zu legen, damit nichts den Genuss der Sojamilch mit Vanillegeschmack trüben kann …
Anmerkungen
Kritische Einstiegsseite zu Soja: http://www.projektwerkstatt.de/tierrechte/texte/soja.html
Fussnoten
- Greenpeace (2006): Aus Urwald wird Tierfutter (www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/waelder/FS_Soja_Hintergrund.pdf).
- Greenpeace (2006): Wir essen Amazonien auf (www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/waelder/FS_Soja_ReportAmazonien.pdf).
- Walter Marschner (2000): Wichtige soziale Aspekte der Entwicklung des Sojaanbaus im brasilianischen Bundesland Paraná (www.loccum.de/materialien/soja/marschner.pdf).
- Greenpeace (2006): Wir essen Amazonien auf.
- Greenpeace (2006): Aus Urwald wird Tierfutter.
- Siehe Jutta Sundermann (2005): Autonomie statt Konzernkontrolle. In. „Fragend voran …“ Nr. 0 (Herrschaftsfrei Wirtschaften). Reiskirchen: SeitenHieb.
- Der Tofuhersteller Hexerküche bezieht seine Sojabohnen vollständig aus deutschen Anbaugebieten, die Firma Taifun tut dies teilweise.
- Für andere vegane Luxusprodukte gilt Ähnliches: So wird Seitan aufwendig und unter Verschwendung der meisten Weizenbestandteile hergestellt.
Quelle
«Mensch . Macht. Tier. - Antispeziesismus und Herrschaft» Veröffentlicht unter einer Creative Commons
Befreiung mit Fragezeichen
Von Espi Twelve, espi(ätt)projektwerkstatt.de
Viele Tierrechtlerinnen mit anarchistischem Hintergrund verorten ihr Engagement gegen Jagd, Fleischkonsum oder Tierhaltung in einem herrschaftskritischen Kontext. Mit teilweise großer Selbstverständlichkeit werden gemeinsame Merkmale mit rassistischer oder sexistischer Diskriminierung betont. Es gibt sogar einen Begriff, um diese Unterdrückungsform ,einzureihen’ in die Liste der zu überwindenden „ismen“: Antispeziesismus. Aber lassen sich die benannten Herrschaftsverhältnisse miteinander vergleichen oder gleichsetzen? Ist die Herrschaft über nichtmenschliche Tiere überhaupt überwindbar? Doch auch die herrschaftskritischen Antworten auf solche Fragen sind nicht frei von Ausblendungen. Den ganzen Beitrag lesen »
Speziesismus und Ideologie
Über das falsche Bewusstsein der SpeziesistInnen
Von Andre Gamerschlag, andregamerschlag(ätt)web.de
Speziesismus kann analog zum Rassismus und Sexismus sowohl als Stereotypenkomplex, also eine Anhäufung von Vorurteilen, oder als Ideologie verstanden werden. Entgegen der umgangssprachlichen positiven Auslegung des Wortes Ideologie als Synonym für die Überzeugung von einem Wertesystem, soll es hier der Ideologiekritik entsprechend als falsches Bewusstsein verstanden werden, als verfälschtes Bewusstsein vom gesellschaftlichen Sein. Den ganzen Beitrag lesen »
Antispeziesismus weiterdenken
Eine kritische Betrachtung des Artenkonzeptes
Von Franziska Brunn, franziska-brunn(ätt)gmx.de
Antispeziesismus kritisiert wahlweise die Bevorzugung der menschlichen Spezies, also Art, gegenüber anderen tierischen Spezies, oder die Abwertung oder Überhöhung von Individuen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Was aus der Erkenntnis dieser Diskriminierungs- beziehungsweise Verherrlichungsform an Handlungsmustern resultieren sollte oder könnte, soll hier nicht detaillierter ausgeführt werden. Ob das die Forderung zur Abschaffung der Tierausbeutungsindustrie oder die Aufforderung zur veganen Lebensweise ist, antispeziesistische Bemühungen halte ich grundsätzlich für begrüßenswert, einige Teilaspekte jedoch könnten gründlicher hinterfragt werden, um differenziertere Argumentationen mit weniger Engstirnigkeit gegenüber Andersdenkenden und -handelnden zu entwickeln … Den ganzen Beitrag lesen »
Interview: Tierrechtstage Recklinghausen
In einer Woche beginnen die Tierrechtstage Recklinghausen. Wir haben mal ein paar Fragen gestellt. Den ganzen Beitrag lesen »
Sommerlicher Tatendrang?
Wie immer sind die Sommerwochen voll mit zahlreichen spannenden Veranstaltungen. Ein kleiner Überblick. Den ganzen Beitrag lesen »
Lesestoff: Befreiung hört nicht beim Menschen auf
Die Berliner Tierrechtsaktion hat einen Reader zur Veranstaltungsreihe «Befreiung hört nicht beim Menschen auf», die 2005 in Berlin statt fand, herausgegeben. Den ganzen Beitrag lesen »




